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Der Calmont -
steilster Weinberg Europas
von Hans-Jürgen
Franzen
Der Weinbau an der Mosel hat eine fast
zweitausendjährige Geschichte. Um 280 n. Chr., als der
römische Kaiser Marcus Aurelius Probus das Verbot des
Rebenanbaus außerhalb Italiens aufhob, begann sich der
Weinbau in vielen Teilen Frankreichs, aber auch an Rhein und
Mosel auszubreiten. Aus dem um 370 n. Chr. entstandenen
Gedicht "Mosella" des römischen Dichters Ausonius geht
hervor, dass der Weinbau damals bereits, hundert Jahre
später also, in hoher Blüte stand. Ausonius
beschreibt in seinem Gedicht, dass die Berghänge des
Moseltals bereits überall mit Reben bestanden
waren:
"...Wo auf Felsen, auf sonnigen Höhen, an Hängen,
in Mulden Reben sich schwingen als habe Natur hier gebaut
ein Theater. Bis zum Gipfel hinauf der himmelan strebenden
Bergwand klettert vom Flusssaume her der grünen Reben
Geranke..."
Joh. W. v. Goethe, der die Mosel 1400 Jahre später
bereiste, berichtet Ähnliches:
"Jeder sonnige Hügel war benutzt, bald aber bewunderten
wir schroffe Felsen am Strom, auf deren schmalen,
vorragenden Kanten, wie auf zufälligen Naturterrassen,
der Weinstock zum allerbesten gedieh."
Vielerorts an der Mosel erinnert die Landschaft an die
Zeilen dieser und manch anderer Dichter, doch auf keinen
Berghang passen sie besser als auf den steilsten aller, den
Calmont. Zwischen den Moselorten Bremm und Eller an der
Terrassenmosel liegt dieser Weinberg, der den Superlativ
"steilste Weinbergslage Europas" für sich in Anspruch
nehmen kann.
Die statistische Zahl von 56 Grad Steigung sagt wenig aus
über den imposanten Anblick, den der Calmont dem
Betrachter bietet. Fast drohend wie eine Wand steigt er von
der Mosel aus dreihundert Meter aufwärts, in vielen
Passagen noch steiler als diese statistischen 56 Grad, ja
manchmal fast senkrecht. Die Steilheit dieses in
Jahrmillionen vom Lauf der Mosel geschaffenen Hanges
lässt sich erst begreifen, wenn man in die Terrassen
steigt.
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Es
gibt keine zusammenhängende Rebfläche, sie wird
immer wieder von steil abfallenden Felswänden und
schroffen Felsvorsprüngen durchbrochen. Um den Hang
nutzbar zu machen, legten die Winzer Terrassen an mit Hilfe
von Stützmauern, die aber auf Dauer dem Druck des
Berges nicht standhalten, nach einer Zeit teilweise wieder
einstürzen und immer wieder ausgebessert oder bisweilen
neu aufgebaut werden müssen.
Die Aufwendungen der Winzer an Arbeit und Kosten zur
Bebauung und Erhaltung der Weinberge waren seit jeher
immens. Kein Weg führt in den Calmont, nur schmale
Pfade winden sich in Serpentinen den Berg hoch,
überwinden durch Treppen die Felsen und Mauern der
Terrassen. Dünger muss im Frühjahr auf dem
Rücken hochgetragen werden, im Herbst die Trauben
talwärts. Flurbereinigung wird immer unmöglich
bleiben, Maschinen werden nie zum Einsatz kommen, um den
Winzern die mühevolle und anstrengende, mitunter nicht
ungefährliche Arbeit zu erleichtern.
Aufgrund dieses arbeitsintensiven Weinbaus ist seit etwa
1950 leider ein stetiger Rückgang der Rebfläche
festzustellen. Dabei gedeiht die Rieslingrebe hier unter
Bedingungen, wie sie vortrefflicher nicht sein
könnten:
Der Berghang, etwa zwei Kilometer lang, besitzt die Form
eines riesigen, nach Süden offenen Hohlspiegels. Die
Höhe des Berges von vierhundert Metern schützt das
Tal vor den kalten nördlichen Winden. Der Gipfelkamm
des Calmont, von Wald und Hecken bedeckt, verhindert den
Abfluss der kalten Luft ins Tal. Die klimamildernde Wirkung
des Wassers der Mosel verstärkt sich hier noch, da der
Fluss in einer engen Schleife praktisch zweimal parallel zum
Berg fließt.
Ein sehr wichtiger Faktor ist auch die Bodenbeschaffenheit
des Calmont. Es handelt sich um einen sehr leichten Boden
(devonische Grauwacke), bestehend aus Schiefer mit einem
sehr hohen Steinanteil von über 60 Prozent. Der
günstige Sonneneinstrahlungswinkel, gegeben durch die
optimale Hangneigung, die unzähligen Felsen und Mauern
und der hohe Steinanteil des Bodens bewirken auch in
sonnenarmen Jahren, dass der Boden sich schneller
erwärmt und die Wärme besser speichert als
anderswo.
Vor allem seinen idealen klimatischen und topographischen
Verhältnissen verdankt es der Calmont, dass sich seine
Weine durch eine eigene Art und Eleganz auszeichnen.
Trotzdem ist der Calmont nur wenigen Weinkennern ein
Begriff, was einmal auf der geringen Größe des
Weinbergs von nur etwa zwanzig Hektar und dem bescheidenen
Ertrag beruht.
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